Zwischen Freiheit und Überforderung

Ich hatte nie eine klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben. Und ehrlich gesagt, wollte ich sie auch nie, ich bin sehr gut damit gefahren. Seit den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie hat sich mein Arbeitsumfeld radikal verändert, mit Auswirkungen bis heute. Wie mich die Arbeit vereinnahmte, was ich daraus gelernt habe, ist eine Geschichte zwischen Arbeit, Leben und Selbstverantwortung.

Die ersten Jahre

Schon zu Beginn meines Berufslebens war es für mich normal, dass Arbeit und persönliche Beziehungen ineinander übergingen. Ich arbeite schon immer auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln in einer starken Fusion aus Arbeit und Privatleben und bin (weiterhin) überzeugt, dass der Begriff “Work-Life-Balance” insofern Quatsch ist, weil es aus meiner Sicht nicht um eine Balance aus Arbeit und Leben geht, sondern um eine gute Fusion, eine Integration und Verknüpfung, da Arbeit eben ein ganz relevanter Teil des Lebens der meisten Menschen ist.

Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn habe ich in Unternehmen von Freunden gearbeitet, in denen nach der Arbeit alle gemeinsam noch etwas trinken gingen. Ich habe mich ehrenamtlich engagiert und Jugendfreizeiten organisiert – oft mit den gleichen Menschen, mit denen ich auch im Büro saß. Nebenbei habe ich mit Freunden ein Geschäft rund um Veranstaltungen und Konzerte aufgebaut. Es gab keine harten Grenzen zwischen “Job” und “Leben”. Die Kolleg:innen waren Freunde, Arbeit war nicht nur Erwerbstätigkeit, sondern auch Teil meines sozialen Netzwerks, ein Teil meines Alltags, ein Feld, in dem ich mich beruflich und privat selbst verwirklichen und wachsen konnte und immer noch kann.

Die Jahre danach

Auch später, als ich in größeren und klassischeren Unternehmen tätig war, blieb mir diese Verschmelzung erhalten. Homeoffice war für mich immer bei Bedarf möglich, ich konnte mir meine Tage flexibel einteilen. Das kam mir entgegen – vor allem in den letzten Jahren, in denen ich als alleinerziehender Vater von drei Kindern auf ein hohes Maß an Flexibilität angewiesen bin. Ich brauche tagsüber Zeit für private Themen, sei es geplant oder spontan. Ich organisiere meine Arbeit so, dass ich mir diesen Freiraum nehmen kann und gleichzeitig bin ich bereit, auch am Abend noch E-Mails zu beantworten oder Konzepte zu überdenken. Ich bin schon seit vielen Jahren in unterschiedlichen Führungsrollen unterwegs, arbeite in kreativen Wissensberufen und muss immer wieder kreative Lösungen für Herausforderungen finden. Und wir wissen: die besten Ideen entstehen gerne auch mal bei einer Lauf-Runde oder unter der Dusch. Ideen entstehen nicht zwingend in der definierten Arbeitszeit.

Für mich hat das lange funktioniert. Ich war überzeugt davon, dass diese Freiheit mir guttut, dass es für mich als Wissensarbeiter und Führungskraft sogar die beste Art zu arbeiten ist. Grundsätzlich glaube ich das auch heute noch. Doch in den letzten Jahren, besonders seit der Pandemie, spüre ich, dass sich etwas verändert hat. Nicht nur bei mir, sondern in der gesamten Arbeitswelt (oder zumindest in dem Bereich, den ich privat, als Kollege und als Führungskraft und als Berater und Coach überblicken kann).

Die schleichende Überlastung durch die Freiheit

Früher gab es eine Art unausgesprochene Grenze: Man verließ das Büro, klappte das Notebook zu und war im Feierabend und hatte Zeit, sich um alle anderen Dinge zu kümmern. Für die Meisten ging es gar nicht anders. Einzelne entstehende Ideen außerhalb der Arbeitszeit konnten schnell notiert werden, die eine oder andere E-Mail, die dann doch nicht warten konnte, waren eben nur eine oder mal zwei. Heute verschwimmen diese Grenzen fast vollständig – und das nicht, weil sich mein Arbeitsverhalten verändert hätte, sondern weil sich die Umwelt verändert hat, die einen großen Einfluss auf meine Arbeitsumgebung hat.

Ein ganz einfaches Beispiel: Früher war klar, Lieferungen von Möbeln können eher zur Arbeitsrandzeit erfolgen oder man hat sich für den Tag Urlaub genommen. Ja, das war ein Tag Urlaub. Und ja, das war Fokus auf das eine Thema. Heute klingelt nahezu täglich bei irgendwem irgendein Lieferdienst, die Post, der Handwerker oder die Nachbarn und sorgen dafür, dass Fokus verloren wird, Remote-Meetings unterbrochen werden müssen, Störungen die Konzentration behindern. Und es wird auch immer selbstverständlicher, dass man für “Kleinigkeiten” weder Termine verschiebt, noch Zeit einräumt. Zwischen der Arbeit in Meetings und “konzentrierter Arbeitszeit” piepen Trockner und Spülmaschinen, muss noch kurz etwas zur Post gebracht, der Friseur besucht, der Arzttermin ausgemacht oder wahrgenommen werden.

Ich erlebe das täglich bei meinen Mitarbeitenden und auch bei mir. Die meisten sind im Homeoffice. Das bietet großartige Möglichkeiten. Und es führt auch dazu, dass der Arbeitstag sich stärker verdichtet und stärker ausdehnt. Denn ein einfaches “Zurufen über den Schreibtisch” ist heute eine Chat-Nachricht im Zweifel mit der Frage, ob man kurzfristig einen kurzen Termin machen kann oder sollte. Alles muss in Meetings verortet werden, die Meetings werden kürzer, dafür werden es mehr. Nichts passiert auf Zuruf oder nebenbei. Und Remote-Meetings werden immer wieder nur noch mit halber Aufmerksamkeit verfolgt, weil parallel noch eine E-Mail beantwortet oder das Kind beruhigt werden muss. Und wenn wir uns alle selbstkritisch betrachten: Wer von uns hat nicht schon mal während einer Videokonferenz das Mikro auf stumm und die Kamera ausgestellt, um schnell noch eine andere Aufgabe zu erledigen oder gar aufs Klo zu gehen?

Wen es am Meisten trifft

Das Problem ist: Diese ständige Parallelisierung sorgt für eine diffuse Überlastung, die omnipräsent aber schwer zu greifen ist. Man ist gedanklich nie ganz fokussiert bei genau der Arbeit, um die es gerade geht, aber auch nie wirklich im Privaten mit hoher Aufmerksamkeit dabei. Und während man früher nach einem anstrengenden Tag das Büro verließ und den Stress dort ließ, um sich auf andere (durchaus auch herausfordernde) Themen zu fokussieren, trägt man ihn heute einfach mit ins Wohnzimmer und packt ihn fröhlich zu all dem anderen Stress oder der Freude, die dort wartet.

Es sind gerade die Menschen, die Verantwortung übernehmen für ihre Arbeit, ihre Familie, ihre Teams, ihre Leistung, ihre Ergebnisse, die diese Last am meisten spüren. Sie wissen im Zweifel sogar längst, dass ihnen dieses Mehr an Themen und die immer stärkere Fragmentierung und Parallelisierung nicht guttut. Aber sie kommen schwer aus diesem Modus heraus, weil sie sind, wie sie sind. Weil sie eben nicht mehr nur für zwei Dinge oder drei, sondern für viele mehr Verantwortung übernehmen.

Eigene Reflexion

Ich kenne das von mir selbst. Über Jahre habe ich mir eine Arbeitsweise angewöhnt, in der ich ständig erreichbar bin für meine eigenen mir wichtigen Themen und mich selbst mich löse davon. Dabei geht es mir überhaupt nicht so sehr um die Frage, ob man mich anrufen kann (viel Glück, hier bin ich so gut wie nie erreichbar) oder dass ich auf jede Nachricht sofort reagieren müsste (das habe ich mittlerweile ablegen können). Es geht darum, was im eigenen Kopf kreist, was balanciert werden muss, was erledigt werden will, am besten hier und jetzt.

Seit 20 Jahren lese ich fast ausschließlich Bücher, die etwas mit meinen beruflichen Interessen zu tun haben. Ich erinnere mich an einen Urlaub, in dem meine Ex-Frau mir einen Roman schenkte – einfach, damit ich mal etwas anderes lese. Ich habe es versucht, aber es fühlte sich wie Zeitverschwendung an. Warum? Weil Arbeit für mich nie nur Job war und auch nicht ist. Weil ich meine Themen liebe, weil ich mich weiterentwickeln will. Aber genau diese Haltung – die mir so lange geholfen hat – führt mittlerweile dazu, dass ich selbst keinen echten Feierabend mehr habe. Und wenn ich mir bewusst Zeit nehme für diesen Feierabend, fühlt es sich nicht befreiend oder entspannend an. Und damit bin ich sicher nicht allein.

Warum die Erwartung uns überfordert

Es gibt einen gesellschaftlichen Wandel, den ich immer deutlicher spüre: Die Vorstellung, dass man alles unter einen Hut bekommen kann – und muss. Die Digitalisierung macht es doch möglich. Die Erwartung, alles zu schaffen. Denn ein Blick in die Umgebung und die sozialen Medien zeigt: Alle anderen schaffen das alles doch auch. Oder?

Früher war Arbeit oft klar aufgeteilt: Ein Partner verdiente das Geld, der andere kümmerte sich um Haus und Kinder. Diese Aufteilung war aus heutiger Perspektive nicht gerecht, aber sie hatte einen ganz wichtigen Effekt: Care-Arbeit wurde als notwendige Arbeit anerkannt, für die es eine klare Rolle gab. Heute versuchen viele, zwei Vollzeitjobs zu stemmen, sich um die Familien zu kümmern, ein erfüllendes Sozialleben zu haben und dann noch Zeit für Selbstverwirklichung zu finden. Um das alles unter einen Hut zu bekommen, wird die Selbstverwirklichung mehr und mehr im Job gesucht und damit wird auch die Arbeitgeberin überfordert – denn dort wird ein Rahmen für viele Menschen nicht für alle gleichermaßen passen, um individuellen “Purpose” zu finden.

Das führt zu einem Paradoxon: Die Freiheit, die wir uns erkämpft haben, wird zur Last. Die Möglichkeit, viel machen zu können, schlägt um in den Druck, auch viel machen zu müssen. Denn nur wer was erreicht oder etwas macht ist auch wer.

Was Unternehmen tun können – und was nicht

Viele Unternehmen haben längst erkannt, dass ihre Mitarbeitenden überlastet sind. Sie setzen Regeln zur Erreichbarkeit, definieren wieder klare Arbeitszeiten, ermutigen Mitarbeitende, sich Auszeiten zu nehmen. Manche bieten Coachings oder Gesundheitsprogramme an. Und ich nehme viele Versuche von Unternehmen, ihre Menschen wieder zurück ins Office zu holen, auch als Maßnahme genau für diese Entlastung, die Entlastung der Unternehmen und ihrer Mitarbeitenden.

Aber am Ende können Unternehmen nur Rahmenbedingungen schaffen. Sie können die Verantwortung nicht komplett übernehmen. Denn wenn jemand gewohnt ist, immer erreichbar zu sein, dann wird er sich auch außerhalb der Arbeitszeiten E-Mails anschauen, selbst wenn die Firma es nicht erwartet. Und wenn Firmen bevormundend abends E-Mails abschalten, finden sich andere Weg, die Zeit zu Hause mit Arbeit zu füllen und im Zweifel führt die Bevormundung eher zu Frust. Hier kommt die Eigenverantwortung ins Spiel.

Die schwerste Aufgabe: Grenzen setzen

Es ist leicht, die Verantwortung nach außen zu verlagern. Zu sagen: “Mein Arbeitgeber verlangt zu viel.” Aber oft sind es nicht die äußeren Anforderungen, sondern unsere eigenen Ansprüche, die uns in die Überforderung treiben. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich im Urlaub arbeite, obwohl es niemand von mir erwartet. Im Gegenteil. Ich darf das nicht. Also arbeite ich an privaten Projekten, schreibe Artikel oder bereite Dinge konzeptionell im Kopf vor. Ich denke an meine Mitarbeitenden und ich will sicher gehen, den Anschluss nicht zu verlieren und zu vermeiden, dass ich nach einem Urlaub erst Tage brauche mit Mehrbelastung, um all das, was passiert ist, aufzuarbeiten.

Wir haben verlernt, Grenzen zu setzen. Zumindest habe ich das in Teilen verlernt. Oder es war bisher weniger notwendig und bekommt im Zuge der starken Verbindung zwischen Home und Office für mich ein anderes Gewicht. Und wir haben verlernt, ehrlich mit uns selbst zu sein: Was kann ich wirklich leisten? Was tut mir gut? Was ist mir wichtig?

Wie wir wieder Kontrolle gewinnen

Was also tun? Wie finden wir eine Balance, die nicht nur funktioniert, sondern uns auch langfristig gesund hält?

  1. Ehrlich zu sich selbst sein: Welche Erwartungen setze ich mir selbst – und welche sind realistisch?
  2. Klare Grenzen schaffen: Ein eigenes Arbeitszimmer einrichten, feste Arbeitszeiten definieren, Offline-Zeiten einplanen (und aushalten).
  3. Verantwortung für andere übernehmen: Klarheit schaffen, dass eigenes Arbeitsverhalten nicht von anderen erwartet und ständige Erreichbarkeit nicht normal ist.
  4. Sich erlauben, auch mal nichts zu tun: Erholung ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit – etwas, das ich vielleicht wieder lernen muss zu genießen.

Ich selbst bin gerade dabei, diese Balance neu zu finden. Mein Sohn ist ausgezogen, das freie Zimmer werde ich mir wieder als eigenes Arbeitszimmer einrichten, um zu Hause Arbeit und Privates besser trennen zu können. Ich gehe wieder öfter ins Büro, um dort ungestörter und fokussierter auf die Aufgaben dort arbeiten zu können und nach der Arbeit auch wirklich abzuschalten. Es ist ein Prozess. Er ist viel härter und herausfordernder, als ich gedacht hätte. Aber wenn wir nicht selbst Verantwortung für uns übernehmen, wer dann?

(Das Bild ist mit Chat GPT generiert.)

About the author

Daniel Dubbel

Agility Master | COO, HOUSE OF MOBILE @ DB Systel | Deutsche Bahn
Agile Transformation & Digital Strategy Expert | P&L Leader | Driving Growth through Innovation & Organizational Change | C-Level Advisor

By Daniel Dubbel

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